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Kreativität und Routine in Sprache und Kognition

Sprache ist ein hochkomplexes und dabei sehr robustes kognitives und soziales System, das die Grundlage für menschliche Kommunikation bildet. Neben dem Austausch von Informationen sind weitere Funktionen von Sprache zentral für die Etablierung von sozialen Systemen, die Identifizierung der jeweiligen Agenten in diesen Systemen sowie Abgrenzung und Integration derselben. Gleichzeitig erlauben Mehrsprachigkeit und Variation im Gebrauch einer Sprache eine Vielfalt an kognitiven Ausdrucksmöglichkeiten, die andere semiotische Systeme nicht bieten. Zwei zentrale Aspekte dieser hohen Flexibilität von Sprache bei gleichzeitiger Robustheit sind Kreativität und Routine im sprachlichen Verhalten. Die KPA VI untersucht, wie diese beiden Faktoren zu gelungener sprachlicher Kommunikation beitragen.

Gesprächsbeteiligte dürfen und müssen kreativ sein, um ihre kommunikativen Ziele effizient zu erreichen. Ein Standardbeispiel ist die Aufforderung „Das Schnitzel an Tisch fünf möchte zahlen“ in einem Restaurant. „Das Schnitzel“ als Bezeichnung für einen Gast stellt hier einen Kompromiss dar: zwischen einer möglichst eindeutigen Identifikation der gemeinten Person und einer möglichst kurzen Bezeichnung für sie. Ein anderes Beispiel betrifft den kreativen Umgang mit sprachlichen Mehrdeutigkeiten um besondere kommunikative Effekte zu erzielen. Andererseits sind sprachliche Interaktionen von einer Vielzahl von Formeln und Routinen gekennzeichnet, die es erlauben, häufig wiederkehrende kommunikative Aufgaben zügig zu erledigen. Hier sind Gruß- und Abschiedsformeln sowie konversationelle Reparaturroutinen ein Standardbeispiel.

Unsere Alltagserwartung ist, dass sprachliche Kommunikation im Normalfall gelingt. Gelingt sie nicht, fällt dies meist sofort auf. Einige Arten nichterfolgreicher Kommunikation sind sogar ein beliebter Gegenstand populärwissenschaftlicher Literatur (z.B. Du kannst mich einfach nicht verstehen: Warum Männer und Frauen aneinander vorbeireden (Tannen 1998)). Jedoch kann es durchaus sein, dass Fälle nichterfolgreicher Kommunikation, die unbemerkt bleiben, gar nicht so selten sind. Eine systematische Untersuchung der Faktoren, die das Gelingen sprachlicher Kommunikation beeinträchtigen und der Frage, wo die Grenzen der Wahrnehmung des Nichtgelingens liegen, fehlt. Diese Fragen gehören unter dem Begriff Robustheit ebenfalls zum Kern unserer Untersuchungen.

Robustheit bezieht sich auf eine Vielzahl von Aspekten sprachlicher Kommunikation, u.a. den Umstand, dass sprachliche Ausdrücke oft mehrfach redundant sind. Mehr oder weniger robust sein können des Weiteren: spezifische Konstellationen von Sprechenden, sprachliche Strukturen, sprachliche Formeln und vieles mehr. Kreativität und Routine sind dabei zentrale Faktoren, die die Robustheit sprachlicher Interaktionen beeinflussen. Kreative Innovationen können Robustheit verstärken, also zu einer Verdeutlichung des Gemeinten beitragen. Sie können aber auch Unsicherheiten hervorrufen, wenn zu viel Wissen und Assoziationsfähigkeit auf Seiten der Hörenden vorausgesetzt wird. Routinen tragen zwar viel zur grundsätzlichen Robustheit sprachlicher Kommunikation bei, werden aber immer dann zu einem Problem, wenn Neues oder Nuancierungen kommuniziert werden sollen.

Der Fokus auf der Interaktion und Integration von Kreativität und Routine in gelungener Kommunikation wird uns erlauben, wesentliche Fortschritte in einem Problemkomplex zu erzielen, der in der letzten Dekade ins Zentrum der sprachwissenschaftlichen Diskussion gerückt ist. Im 20. Jahrhundert basierten die Hauptströmungen der sprachwissenschaftlichen Forschung auf einer starken Homogenitätsannahme, wonach Mitglieder einer Sprachgemeinschaft auf der Basis weitgehend identischer Wissensbestände und Verhaltensnormen kommunizieren. Dabei wurde von individuellen Unterschieden großzügig abstrahiert. Das zur Erfassung dieser Varianz erforderliche begriffliche und empirische Instrumentarium ist deshalb in den Sprachwissenschaften noch deutlich weniger entwickelt als in anderen Disziplinen (z.B. der Differentiellen Psychologie). Die Begriffe der sprachlichen Kreativität und der sprachlichen Routinen, wie wir sie hier (weiter)entwickeln und untersuchen wollen, eröffnen die Möglichkeit, der Rolle individueller Fähigkeiten und Präferenzen in einer umfassenden Theorie der sprachlichen Kommunikation den angemessenen Platz einzuräumen. In vielen Wissenschaften finden derzeit parallele Diskussionen zu individuellen Unterschieden statt. Das Thema bietet mithin einen idealen Untersuchungsgegenstand für transdisziplinäre Forschung im Bereich Sprache.

Großprojekte der Verbundforschung

Die PIs des KPA VI sind unter anderem in folgenden Forschungsprojekten eingebunden